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Gedanken einer Betreuungskraft

Erstellt von KA | |   Allgemein

Am Abschluss unseres Betreuungslehrgangs steht das Kolloquium. In dem Zusammenhang hat eine Teilnehmerin diese Geschichte vorbereitet.

Vom Einwohner zum Bewohner
Für mein Kolloquium habe ich mir dieses Thema ausgesucht, da ich großen Respekt vor den Menschen habe, die solch einen schweren  Schritt gemeistert haben. Auch möchte ich nie vergessen, wie ich als Anfängerin einmal darüber gedacht habe.

Beklebte und geschwärzte Brille…Windel…Binden…Rückenkratzer…Oropax…Knebel…
All die Dinge, die vor mir liegen, sind  Symbole für Fesseln, die uns im Alter heimsuchen können. Je nach Umfang und Quantität entscheiden sie darüber, wo und wie wir unsere letzten Jahre verbringen werden.
Niemand von uns ist davor gefeit.
Schaue ich mich in einem Pflegeheim um, sehe ich ganz viele Frauen und Männer, die diesen Weg, mehr oder weniger freiwillig, schon beschreiten mussten.
Die meisten 'Bewohner' haben mindestens ein halbes Jahrhundert andere Menschen versorgt, sind harter Arbeit nachgegangen und haben Schicksale gemeistert. Doch jeder Einzelne von ihnen birgt einen großen Erfahrungsschatz, auch wenn er ihn uns aufgrund seiner Demenz nicht mehr verraten kann.
Viele haben sogar in ihrer Kindheit oder Jugend den Krieg am eigenen Leib erfahren.
Und jeder weiß, was permanente Angst mit einem Menschen macht.
Sicher sind unter den Männern auch noch manche, die als junge Soldaten in  Gefangenschaft geraten waren. Und nun müssen sie wieder mit vielen Menschen unter einem Dach leben und sich einer Gruppendynamik unterordnen.
Nicht jeder kann das emotional trennen.
Was bedeutet es aber nun für einen Menschen, so hilfebedürftig zu werden, dass er nicht mehr allein zurechtkommt? Wir alle hörten in unserem Umkreis bestimmt schon die Aussagen von Leuten, die sich lieber umbringen würden, als in Abhängigkeit zu enden. Und doch sind die Heime voll von alten Menschen.
Mir gehen dabei etliche Bilder durch den Kopf. Deshalb habe ich einmal versucht, mich in solch eine Situation hineinzuversetzen. Natürlich ist mir klar, dass ich in den acht Minuten, die ich für diesen Vortrag habe, nur an der Oberfläche kratzen kann.

Hier erzähle ich euch meine imaginäre Geschichte:

Dienstag 10.00 Uhr:
Meine Freundin und ich haben gerade einen Wochenendtrip gebucht. Wir wollen wandern. Voller Vorfreude packe ich bereits die Koffer, ich bin total aufgeregt.

Donnerstag 11.33 Uhr:
Alles ist hinfällig. Mein Kopf tut höllisch weh, mir ist schwindlig und ich muss spucken. Ich sehe kaum etwas, kann meinen halben Körper nicht bewegen. Eigentlich will ich um Hilfe rufen, aber es kommt kein vernünftiges Wort heraus. Dann sehe ich einige Köpfe über mich gebeugt, man hebt mich an und verfrachtet mich eilig in ein Auto.
Ich habe einen Schlaganfall.
Einige Zeit später, in der Reha, hat sich nur wenig gebessert. Meine Nerven liegen blank, ich kann mich nicht richtig waschen, geschweige denn laufen. Ich kämpfe immer noch um jedes Wort, lalle oft. Redet jemand mit mir, klingt es für mich häufig wie Buchstabenbrei, wie eine nicht existierende Sprache.
Und erst diese Blicke, alle schauen mich so behutsam und betreten an. Ganz anders die Therapeuten, die zeigen ein ständig hoffnungsfrohes Lächeln. Ich nicht, wenn, dann nur ein halbes.
Irgendwann, ich ahne es schon länger, wird mir nahegelegt in ein Pflegeheim zu ziehen.
Was heißt das für mich? Mein geliebtes Haus, voller Herzblut saniert und eingerichtet, wird nicht mehr meine Heimat sein. Es wird verkauft. In kürzester Zeit muss ich entscheiden, falls ich überhaupt dazu in der Lage bin, von was ich mich trennen muss. Nur das Allerwenigste darf mit.
Während ich im Rollstuhl sitze, wühlen andere in meinen Privatsachen, in meiner Unterwäsche usw. Und auch in deren Gesichtern ist keine Freude über diese Arbeit zu erkennen. Von nun an bin ich eine Belastung. Ich brauche für alles eine Hilfe, um alles muss ich Menschen bitten, die kaum Zeit haben. Außerdem tut der Rücken vom ewigen Sitzen weh. Ich sehe mit meiner hängenden Gesichtshälfte unmöglich aus, aber diese Eitelkeit würde kaum einer verstehen. Ich habe doch Glück gehabt, ich habe überlebt.
In dieser Verfassung ziehe ich nun in ein Heim. Meine Tochter oder jemand anderes bringt mich hin und öffnet mit aufmunterndem Blick meine Zimmertür.
Etwas unbeholfen, finde ich, wurde versucht mein neues Zuhause, meine letzte Station mit wenigen eigenen Sachen heimelig zu gestalten.  Ich nicke nur, will nicht undankbar sein.
Tja, wie ist es nun, wenn man neu ist?
Z.B. am Esstisch in einem großen Saal? Vielleicht sitzt mir gegenüber jemand, der schon sehr dement ist und schmiert in seinem, womöglich noch in meinem Brei herum? Ich selber bekomme das ja mit dem Löffel auch nicht so richtig hin, aber so wie der bin ich doch wohl noch lange nicht. Noch nicht? Das macht Angst.
Mit mildem Lächeln beugt sich ein Betreuer zu mir und ermuntert mich, beim fröhlichen Singen und Schunkeln mitzumachen. Heißasa!!!! Das soll ja richtig spaßig sein Ich zeige nur mein schiefes Lächeln und tupfe meine Mundwinkel trocken. Besser als den ganzen Tag die Wände anzustarren.
Es kommt aber noch besser:
Morgens klopft es an der Tür und zwei Pfleger kommen herein. Während sie mich grüßen, laufen sie schnurstracks zum Fenster, um zu lüften. Ja, ich weiß. Ich habe in die Windeln gepinkelt. Ein beißender Uringeruch wabert durch mein Zimmer. Dann hebt man mich in den Rollstuhl und setzt mich auf die Klobrille. Ein Pfleger wartet, während ich mein Geschäft verrichten soll. Oh Gott, ich habe Blähungen und jetzt fängt es auch noch an zu stinken.
Als ich fertig bin, spreizt man meine Beine, wäscht mich im Schritt und legt mir eine frische Windel an. Arme heben, Achseln waschen, zwischen die Zehen gucken, Unterstützung beim Zähneputzen usw.  Alles natürlich mit Handschuhen und unauffälligem Blick zur Uhr. Von nun an werden mein körperlicher Zustand und meine Ausscheidungen regelmäßig dokumentiert.
                                    SCHAMGEFÜHL   ADÉ!
Ich als alter Mensch kann von Glück reden, wenn ich all das etwas beiseite schieben kann, da ich ehrliche und liebevolle Betreuung erfahre.
Und auch: Ich als Betreuer kann von Glück reden, von diesen Menschen, die sich mir trotz alledem meist freundlich gesonnen anvertrauen, lernen zu dürfen.                              Inga Wolkenstein

© Inga Wolkenstein, Schriftstellerin und Betreuerin


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